Das Vater unser


Fragt man ein Kind, ob es beten kann, dann wird oft geantwortet, “Ja, ich kann das Vater unser”. Oft ist dies das einzige noch bekannte Gebet. Eltern beten es für die Kinder und wohl auch umgekehrt. Ist man in Not und wir wollen uns an Gott wenden, dann ist es oft wieder das Vater unser, das gebetet wird. Das ist sicher gut so. Aber es besteht auch die Gefahr, dass es zu formelhaft gebetet wird, ohne viel dabei zu denken. Es könnte sich ein magischer Charakter hineinmischen, dass es wie eine Art Zauberspruch angewendet wird. Man betet es einfach und hofft dann Erhörung in einer ganz anderen Sache. Gedankenlosigkeit ist dabei oft mit verbunden.


Ist Dir schon mal aufgefallen, dass schon die Anrede “Vater unser” fehlerhaftes Deutsch ist?


Sagst Du etwas auch z.B. “dieses Buch meiniges” wenn Du sagen willst, dass es Dir gehört.


Die “Mutter meinige” will ich besuchen. Das klingt unmöglich. Bei dem gleichen Fehler “Vater unser” finden wir aber nichts Ungewöhnliches, so gewöhnt sind wir daran. Der Stellungsfehler kommt aus dem Lateinischen: Pater Noster. Er ändert auch nichts am Sinn der Aussage und ist daher Jahrhunderte alt.


Aus dem Lateinischen kommt auch eine andere Unebenheit ins Vater unser, die aber den Sinn der Aussage drastisch verändert: Et ne nos inducas in tentationem. Wörtlich heißt dies: Und mögest du uns nicht in Versuchung führen. Vereinfacht beten wir: Und führe uns nicht in Versuchung.


Aber ist dies auch ganz richtig, was wir Gott da sagen? Er will doch nicht, dass wir sündigen.
Warum will Er uns dann versuchen zur Sünde? Ist dies nicht das, was Satan tut? Nicht Gott hat die ersten Menschen zur Sünde versucht, sondern die Schlange, Satan. Stellt das Vater unser demnach Gott auf die gleiche Ebene wie Satan? So zu denken ist doch sakrilegisch.
Trotzdem bitten wir weiterhin Gott: … und führe uns nicht in Versuchung. Streng genommen ist dies eine Beschuldigung Gottes, dass Er nämlich mit schuldig ist, wenn wir sündigen, eben weil Er uns dazu versucht hat. So wurde ich als Priester und Seelsorger immer wieder gefragt, warum uns Gott versucht. Kinder im Religionsunterricht sogar bringen es vor. Als Erwachsene hat die Gewohnheit diese Unebenheit so nivelliert, dass wir uns gar nichts mehr dabei denken. Wer aber einmal ernstlich darüber nachgedacht hat, dass diese Formulierung der sechsten Bitte eigentlich eine Beschuldigung und Beleidigung Gottes ist, kommt bei dieser Bitte leicht ins Stocken. Nur die Gewohnheit kann darüber weghelfen.


Doch hinterläßt diese Gewohnheit unbewußt in uns den Eindruck, als ob der große Versucher der Menschen Gott wäre, der Satan damit in die Hände spielt und uns dann für die gelungene
Versuchung bestraft oder gar verdammt.


Dem gegenüber steht die klare Lehre des Evangeliums: Gott versucht den Menschen nicht. Gott braucht den Menschen auch nicht zu prüfen. Er kennt jeden Menschen bis in die letzte Faser des Herzens. Gott hat es nicht nötig zu prüfen und tut dies deshalb auch nicht. Wohl läßt Er Leiden und Kreuze zu. Dies dient aber nur zu unserer Vervollkommnung und hat mit Prüfen und Versuchung nichts zu tun. Das Leiden Jesu war ja auch nicht Versuchung, sondern Erlösung.


Aber das andächtige Beten des Gebets des Herrn wirft uns immer wieder zurück in die Bitte, Gott möge uns nicht versuchen und stellt Gott damit als den großen Versucher heraus, nicht Satan der es eigentlich ist.


Mit Recht ist deshalb eine Bewegung entstanden, den Übersetzungsfehler des Vater unsers, der bereits aus dem Latein uns überliefert ist, zu korrigieren.

 

Dafür gibt es bereits mehrere Vorschläge, die alle richtiger sind, als die bisherige fehlerhafte
Gebetsform:
...und führe uns durch die Versuchung und erlöse uns…
... und lasse uns nicht versucht werden, sondern…
...und lasse uns nicht in Versuchung fallen, sondern…
...wie auch wir vergeben unser Schuldigern. Stärke uns in der Versuchung und erlöse uns... (Der Punkt zwischen beiden Sätzen ist sinnvoll, da sie Verschiedenes ansprechen.)


Es wäre sinnvoll, wenn dies im deutschen Sprachraum unter allen Christen diskutiert würde und dann eine heilende Einigung erzielt werden könnte.


Pater Johannes