Joseph Ratzinger – Benedikt XVI in „Jesus von Nazareth“


Und führe uns nicht in Versuchung


Diese Formulierung dieser Bitte ist für viele anstößig: Gott führt uns doch nicht in Versuchung. In der
Tat sagt uns der heilige Jakobus: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in
Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung“ (1,13)
Einen Schritt vorwärts hilft es uns, wenn wir uns an das Wort des Evangeliums erinnern: „Damals
wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden(Mt 4,1). Die
Versuchung kommt vom Teufel, aber zu Jesu messianischer Aufgabe gehört es, die großen
Versuchungen zu bestehen, die die Menschheit von Gott weggeführt haben und immer wieder
wegführen.


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Der Hebräer – Brief hat auf diesen Aspekt ganz besonderen Wert gelegt, ihn als wesentlichen Teil des
Weges Jesu herausgestellt: „Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er
denen helfen, die in Versuchung geführt werden“ (2,18).
„Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern
einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (4,15)


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So können wir nun die sechste Vaterunser-Bitte schon etwas konkreter auslegen. Wir sagen damit zu
Gott: „Ich weiß, dass ich Prüfungen brauche, damit mein Wesen rein wird.
Wenn du diese Prüfungen über mich verfügst, wenn du – wie bei ljob – dem Bösen ein Stück freien
Raum gibst, dann denke, bitte, an das begrenzte Maß meiner Kraft. Trau mir nicht zu viel zu.
Zieh die Grenzen, in denen ich versucht werden darf, nicht zu weit und sei mit deiner schützenden
Hand in der Nähe, wenn es zu viel für mich wird.


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In unserem Beten der sechsten Vaterunser-Bitte muss so einerseits die Bereitschaft enthalten sein,
die Last an Prüfung auf uns zu nehmen, die uns zugemessen ist. Anderseits ist eben die Bitte darum
dass Gott uns nicht mehr zumüsst, als wir zu tragen vermögen; dass er uns nicht aus den Händen
lässt. Wir sprechen diese Bitte in der vertrauenden Gewissheit, für die uns der heilige Paulus die
Worte geschenkt hat: „Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht
werdet. Er wird euch in der Versuchung Ausweg schaffen, sodass sie bestehen könnt“

 

Auszug aus Joseph Ratzinger „Jesus von Nazareth“
Herder, 16.04.2007
S. 195 - 199