Referentenhandbuch "Vater Unser" von Leo Tanner und Urban Camenzind-Herzog (WeG Verlag,
Schweiz)


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Ab Seite 96


2. Impuls
2.1. Führe uns in der Versuchung

 

Jesus weiss, dass wir in dieser Welt vielen Gefahren und Versuchungen ausgesetzt sind. Deshalb lehrt uns Jesus den Vater zu bitten, uns in der Versuchung zu beschützen und bewahren: „Führe uns nicht in Versuchung“. Die Formulierung unserer Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung“ hat schon viele Theologen wie einfachen Gläubigen große Probleme verursacht und führt zwangsläufig zu Fragen wie:

 

- Führt uns der gute Vater etwa in Versuchung? Denkt Er sich sozusagen extra Prüfungen für
uns aus, in denen Er uns testen will? (Es gibt Texte in der Bibel, die eine solche Sichtweise
nahe legen könnten. vgl. z.B. das Isaakopfer in Gen 22,1-19)


- Hat Jesus uns wirklich so beten gelehrt?

 

Was die letzte Frage anbelangt, ist die Antwort nicht eindeutig. Der Text gibt den Auslegern einige Schwierigkeiten auf, auf welche wir hier nicht ausführlich eingehen können. Die Spur, die wir in unserem Seminar aufnehmen ist die folgende: Die Evangelien wurden in griechischer Sprache geschrieben und Jesus hat hebräisch oder aramäisch gesprochen. Das Wort, das im Griechischen mit „führe uns“ übersetzt wird, kann im Hebräischen auf zwei Arten gedeutet werden. Einerseits kann eine aktive Form von „führen“ gemeint sein oder auch die passive Form „kommen lassen“. In der passiven Übersetzungsmöglichkeit hieße dann die Bitte „Lass uns nicht in Versuchung kommen“. Eine solche Formulierung und die damit verbundene Deutung entspricht insgesamt dem von Jesus vermittelten Gottesbild und wir können sie sofort besser verstehen. Wir würden deshalb vorschlagen, dass die Vater-unser-Bitte im Deutschen entsprechend anders umformuliert wird.

 

Bereits in den ersten Gemeinden gab es Auseinandersetzungen über die Frage, ob Gott Menschen in Versuchung führt. So können wir z.B. bei Jakobus lesen:
„Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung.
(Jak. 1,13)“

 

Dieser Text zeigt deutlich auf, dass Gott uns nicht in die Versuchung führt Böses zu tun. Sinngemäß lautet diese Bitte deshalb:

 

- Führe uns in der Versuchung
- Führe uns so, dass wir in der Versuchung nicht fallen
- Hilf, dass wir der Versuchung widerstehen können
- Lass uns nicht in eine Versuchung kommen
- Lass uns nicht in eine Versuchung kommen, die unsere Kräfte übersteigt

 

Wir bitten den himmlischen Abba-Vater, dass Er uns in der Versuchung führt, uns durch die
Versuchung hinführt und dass wir Kraft erhalten, mit einem heiligen Nein der Versuchung zu
widerstehen. Von der Versuchung zu unterscheiden sind die Prüfungen des Lebens, in denen wir uns bewähren müssen und bewähren wollen.