Auszug aus 

Vater Unser

Betrachtungen von Erzbischof Ludwig Schick


2.te Auflage 2008 , Heinrichsverlag Bamberg

 

UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG

 

Mit keiner Bitte des VATER UNSER haben sich die Christen von Anfang an so schwer getan wie mit dieser. "Kann Gott in Versuchung führen?" fragten sie sich bereits zur Zeit der Apostel im 1. Jahrhundert. Der Jakobusbrief antwortet darauf: "Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung. Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt" Qak 1,13f). Ein Jahrhundert später schreibt der Kirchenvater Tertullian (ca. 150-220): "Fern sei der Schein, als versuche der Herr."

 Wie kommt es zu der missverständlichen Formulierung: Und führe uns nicht in Versuchung? Bereits der griechische Text des Matthäus- und Lukasevangeliums ist nicht eindeutig und lässt die Interpretation zu, Gott könne den Menschen in Versuchung führen. Als dann im 4. Jahrhundert der berühmte Gelehrte Hieronymus (um 342-420) die griechische Bibel in die lateinische Sprache übersetzte, war das Missverständnis perfekt. Er formulierte: "Et ne nos inducas in tentationem". Daraus wurde im Deutschen:   "Und führe uns nicht in Versuchung".

 

WENN MAN DEN GRIECHISCHEN TEXT IN

DIE SPRACHE JESU, INS ARAMÄISCHE ZURÜCKVERSETZT,

WIRD ABER DEUTLICH, DASS JESUS BETETE:

"GIB, DASS WIR NICHT IN VERSUCHUNG HINEINKOMMEN".

 

In diesem Sinn haben die Bibelgelehrten, Prediger und Theologen, von den ersten Jahrhunderten bis heute, trotz des anderslautenden Textes im Griechischen und Lateinischen die Bitte "Und führe uns nicht in Versuchung" verstanden. So schreibt z.B. im 3. Jahrhundert Origenes ( ca.l85 - ca.254 ), dass dieser Vers darum bittet, "dass wir der Versuchung nicht erliegen möchten". Thomas von Aquin (1225/26-1274) bezeugt im 13. Jahrhundert: "Damit bitten wir ... um Standhaftigkeit in der Versuchung."

Uns bereitet diese Bitte heute aus noch anderen Gründen Verständnisschwierigkeiten. Viele können mit dem Wort "Versuchung" nichts mehr anfangen. Entweder sie verstehen es gar nicht oder sie interpretieren es nicht im ursprünglichen Sinn. Die Erkenntnisse der Psychologie und Psychotherapie haben seit dem vorigen Jahrhundert unser Lebensgefühl und unsere Einstellung diesbezüglich sehr verändert. Bis dahin waren sich die Menschen bewusst, dass es dunkle Mächte und Gewalten im Menschen selbst und in seinem Umfeld gibt, die ihn zum Bösen verführen.

So berichtet zum Beispiel die Heilige Schrift der Juden, dass König David von der Schönheit der Batseba und seinem Sexual- und Machttrieb versucht wird. Er verfällt den Reizen der schönen Frau und seiner Schwäche und begeht Ehebruch. Um diesen zu vertuschen und die schöne Batseba zur Frau nehmen zu können, lässt er ihren Mann Urija töten. Dafür wird er von Gott hart bestraft (vgl. 2 Sam 11-12,19). In den Psalmen wird Hunderte Male die Versuchung zum Bösen angesprochen. Sie wird personifiziert und flüstert sogar ein: "Es gibt keinen Gott." Auch die griechischen und römischen Dichter und Philosophen sprechen von der Versuchung als einer Realität, die den Menschen bedrängt und ihn zum Bösen verführt.

Das ganze jüdische, griechisch-römische und christliche Abendland hat die Versuchungen sehr ernst genommen und gegen sie gekämpft. Nicht nur die Religion hat dazu beigetragen. Auch die Humanisten wussten, dass der Mensch nur dann "edel, hilfreich und gut" ist, wenn er die Versuchungen zum Barbarentum, zum Egoismus und zum Bösen überwindet. Die Philosophen lehrten, dass der Mensch zur Würde des Menschseins und zur Höhe der Erkenntnis gelangt, wenn er alle Versuchungen zum Primitiven und Würdelosen überwindet. Die großen Ethiker, angefangen von Sokrates (470-399 v. Chr.) über die römische Stoa bis zu Immanuel Karrt ( 172 4-1804 ), wussten, dass der Mensch die Versuchungen von innen und außen beherrschen muss, um vernünftig und verantwortlich zu handeln. Die Christen wollten die Gottebenbildlichkeit in sich entfalten. Dafür mussten alle Versuchungen zum Bösen und Teuflischen überwunden werden. Oder sie wollten in derNachfolge Jesu ihr Leben gestalten, von was sie der Satan, der Versucher, abbringen wollte. Ihm galt es zu widerstehen.

Jesus selbst wurde von dem Versucher mehrfach heimgesucht. Gleich nach seinem 40-tägigen Fasten in der Wüste tritt der Teufel dreimal an ihn heran, um ihn von seinem Weg, der Liebe zu Gott und zu den Menschen, abzubringen (vgl. Mt 4,1-11). Jesus wird auch durch Petrus versucht, der ihn abhalten will, den Leidensweg zu gehen. Dafür erhält er die schroffe Abfuhr:

"Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen" (Mk 8,33). An den Versuchungen Jesu wird deutlich, dass der Versucher verschiedene Gesichter hat. Martin Luther schreibt: "Die Versuchung aber ist

dreifacher Art: von Fleisch, von der Welt und vom Teufel."

 

In der Versuchung Jesu wird ein Aspekt deutlich, der im VATER UNSER eine ganz wichtige Rolle spielt. Die Christen beten von Anfang an "Und führe uns nicht in Versuchung". Sicher, jeder muss für sich beten: "Lass mich nicht in der Versuchung zur Lüge, zum Ehebruch, zum Stehlen und Rauben, zur Rache und Hinterlist, zur Zerstörung und Barbarei erliegen."

Zugleich muss er aber auch beten: "Führe uns als Christen und Kirche nicht in Versuchung, vom Weg Jesu, vom Evangelium und von Gottes Geboten abzufallen." Auch als Gesellschaft ist die Bitte wichtig:

 

MACHE UNS STANDFEST IN DER VERSUCHUNG,

NICHT VON DER MENSCHENWÜRDE ABZUFALLEN:

DURCH ABTREIBUNG AM BEGINN DES LEBENS UND

EuTHANASIE IM ALTER, DURCH DIE GERINGACHTUNG

VON EHE UND FAMILIE, DURCH DIE GEWALT

ALS MITTEL DER PROBLEMLÖSUNG IN DER FAMILIE,

IN DER ScHULE, IM STAAT, IN DER

INTERNATIONALEN VÖLKERGEMEINSCHAFT,

WENN jUNG UND ALT, ARBEITNEHMER UND

ARBEITGEBER, ARBEITER UND ARBEITSLOSE,

EINHEIMISCHE UND AUSLÄNDER SICH ENTSOLIDARISIEREN

UND NATIONEN KRIEGE MITEINANDER FÜHREN.

 

Es gibt viele Versuchungen. Eine besonders heimtückische ist die, die Versuchung nicht mehr wahrzunehmen, zu meinen, dass es keinen Versucher und keine Versuchung mehr gibt, höchstens noch süße Versuchungen! "Alles ist erlaubt und muss realisiert werden, was ich in mir spüre; das macht gesund, glücklich und heil; die Versuchung zum Bösen gibt es nicht, weil es das Böse nicht gibt!" Wenn so gedacht und gelebt wird, hat der Teufel ein leichtes Spiel.

Die Bitte "Und führe uns nicht in Versuchung" muss uns heute zunächst nachdenklich machen.

Was ist Versuchung?

Wie soll ich ihr begegnen, damit sie nicht mich, nicht unsere Kirche und nicht unsere Gesellschaft verführt? Wir können human, solidarisch, hilfreich, edel und gut bleiben, wenn wir bewusst beten: Und führe uns nicht in Versuchung.

 

Die schlimmste Versuchung besteht darin, an der Barmherzigkeit und der Liebe Gottes zu uns zu zweifeln.

Das eben gesagte fasst der heilige Paulus im 1. Brief an die Korinther zusammen: "Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt. Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt" (1 kor 10, 12-13).

Darum sollen wir immer neu beten: "Und führe uns nicht in Versuchung!"

 

 

 

Wenn Gott selbst der Versucher ist, wie wir im Vaterunser beten, wer hilft uns dann aus der Versuchung? Gott ist doch das Reine ohne Sünde und Makel, wie kann er uns Christen in Versuchung führen?

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