Auszug aus Scott Hahn : "Das Vaterunser"  Sankt Ulrich Verlag 2007

 

Kapitel 9

Führe uns nicht in Versuchung

Das Vaterunser gleicht einem Marathonlauf, der sich auf den letzten Kilometern einen steilen Hügel hinaufschlängelt - oder einem Gebirge im Himalaja, dessen letzter Gipfel eine senkrecht aufsteigende Felswand bildet.Wir nähern uns dem Ende des Vaterunsers und stoßenauf die Bitte, die in der christlichen Geschichte vielen Geistesgrößen zum Stein des Anstoßes wurde.

 

Es war hauptsächlich ein Mißverständnis dieser Bitte, das den Psychoanalytiker C.G. Jung mit der Kirche brechen ließ. Zum Beweis dafür, daß Gott nicht nur "Liebe und Güte", sondern vor allem "der Versucher und Vernichter" ist, berief er sich auf eben diese Worte Jesu.

 

Warum sollte Gott uns in Versuchung führen? Wenn

die Bibel von einem "Versucher" spricht, meint sie immer den Teufel (siehe Mt 4,3; I Thess 3,5). Die Versuchung kennzeichnet geradezu sein Wirken in unserm Leben.

 

Warum aber beten wir dann, daß Gott- "unser Vater im Himmel!" -uns nicht in Versuchung führe?

 

Gott führt nicht in Versuchung

 

Wir müssen Jesu Worte mit äußerster Sorgfalt lesen; denn er wählte sie mit größter, ja allwissender Genauigkeit.

Das Vaterunser ist nicht die einzige Stelle, wo Jesus

seine Jünger auffordert, gegen die Versuchung zu beten. Zweimal bittet er die Apostel eindringlich im Garten Gethsemani: "Betet darum, daß ihr nicht in Versuchung geratet ( ... ) Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet" (Lk 22-40.46) .

 

Hieraus könnten wir schließen, wir müßten Versuchungen unter allen Umständen aus dem Wege gehen. Aber Jesus hat auch gesagt, daß Versuchungen und Verführungen unvermeidlich sind: "Es muß zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet" (Mt 18,7).

 

Offenbar geht sie hier nicht von Gott aus. Gott

führt nicht in Versuchung: "Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung" (Jak 1,13).

 

Dennoch gibt es Versuchungen: ausgehend von Mitmenschen, was Jesus an obiger Stelle andeutet, vom Teufel, z. B. die Versuchung Jesu in der Wüste (siehe Mt 4,1-n), oder von widrigen Lebensumständen wie Krankheit, Demütigung oder Versagen.

Gott will weder, daß wir Schmerzen leiden, noch will er die Sünden derjenigen, die uns Schmerzen bereiten. Leid und Tod kamen erst als Folge der Sünde von Adam und Eva in die Welt. Und dennoch geschieht Gottes Wille. Er kann jede Gelegenheit zur Versuchung zu einer Gelegenheit zur Gnade werden lassen. Es hängt nur davon ab, wie wir sie nutzen.

 

 

Frei, um zu lieben

 

Das ist eine schwierige, aber entscheidende Frage, die selbst für große Geister, wie Jung, Anstoß und Ärgernis erregen kann. Sie betrifft das Zusammenspiel von Gottes allmächtigem Willen mit unserer menschlichen Freiheit.

 Gott hat Adam und Eva nicht gezwungen, ihm zu gehorchen oder ihn zu lieben. Diese Entscheidung überließ er ihnen. Er setzte sie in einen Garten voller Freuden und Wonnen und lud sie ein, von allen Bäumen zu essen außer von einem. "Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen", gebot er Adam, "denn sobald du davon ißt, wirst du sterben" (Gen 2,17).

Die Versuchung kommt auf sie in Gestalt einer Schlange zu, einer tödlichen Bestie von engelgleicher Intelligenz. Durch versteckte Drohungen, verpackt in listige Worte, erschüttert sie ihr Gottvertrauen. Nicht einmal in ihrer Todesangst schreien sie zu Gott um Hilfe. Ihr Stolz läßt das nicht zu. So erliegen sie der Versuchung. Sie sündigen- und versagen damit in der Prüfung, der Gott sie in ihrem eigenen Interesse ausgesetzt hatte. Hätten sie Gott mehr gefürchtet als die Schlange, dann hätten sie sich in diesem Moment für das Martyrium entschieden und wären eingegangen in ein Leben, schöner und glücklicher noch als das Paradies. Wären sie bereit gewesen, ihr Leben ganz hinzugeben, so wäre das für sie der Beginn eines Lebens in Herrlichkeit gewesen. Denn Gott ist die Liebe, und Liebe verlangt nach Ganzhingabe. Das dreifaltige Leben Gottes in der Ewigkeit besteht in völliger Ganzhingabe. Sein Abbild in der Zeit findet es in der sich selbst hingebenden, lebenschenkenden Liebe.

Wir müssen uns selbst sterben, um eines anderen willen.

 Genau daran sind Adam und Eva gescheitert.

Warum ließ Gott das zu? Der Katechismus zitiert dazu

den frühchristlichen Theologen Origenes: "Gott will das Gute nicht aufzwingen, er will freie Wesen" (2847). Gott hatte den Mann und die Frau frei erschaffen. Diese Entscheidungsfreiheit hatte die Versuchung erst möglich gemacht. Sie machte aber auch die Liebe erst möglich. Liebe kann nicht erzwungen werden; sie setzt immer den freien Willen voraus. Mit der Freiheit wurde somit die höchste Liebe möglich, aber auch die größte Gefahr.

 

Zum eigenen Nutzen

 

"Auch die Versuchung hat ihr Gutes", sagt Origenes in

demselben Zitat. Der Gläubige, der der Versuchung widersteht, wird aus ihr gestärkt hervorgehen. Deshalb läßt Gott sie zu. Jede Versuchung stellt uns letztlich vor die Frage: für oder gegen Gott. Entscheiden wir uns für ihn, wachsen wir in Glaube, Hoffnung und Liebe.

Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist die Versuchung kein Zeichen für eine Strafe oder einen Liebesentzug Gottes. Alle "Lieblinge" Gottes wurden im Verlauf der Geschichte in Versuchung geführt und auf harte Proben gestellt. Denken wir nur an Abraham, der seinen einzigen Sohn zum Opfer bringen sollte, oder an Joseph, der von den eigenen Brüdern mißhandelt und als Sklave verkauft wurde, oder an Hiob, der durch das mörderische Treiben Satans seine ganze Familie und allen Besitz verlor. Vor allem aber denken wir an Jesus, dem die größten Versuchungen von Gott nicht erspart wurden: "Dann wurde ]esus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden" (Mt 4,1; unsere Hervorhebung). Das hier für "geführt" gebrauchte griechische Verb ist ein anderes als das im Vaterunser verwendete. Es bringt das Gemeinte aber noch kraftvoller zum Ausdruck. Bei Markus heißt es entsprechend: "Der Geist trieb Jesus in die Wüste" (Mk 1,12)Das griechische Wort für "trieb" bedeutet wörtlich: "warf''! Wenn daher schon Jesus schwer in Versuchung "geworfen" wurde, sollten wir uns nicht

beklagen, von Gott nicht geliebt zu werden, wenn er uns in Versuchung "führt". Denn wie alle von Gott Geliebten werden auch wir um so heller leuchten, je erfolgreicher wir - mit seiner Hilfe - gekämpft haben.

"Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig. Wie Gold im Schmelzofen hat er sie erprobt und sie angenommen als ein vollgültiges Opfer. Beim Endgericht werden sie aufleuchten" (Weish 3,5-7).

In Gottes Vorsehung hat die Versuchung etwas Gutes an sich-Kraft seiner Gnade.

 

Die Versuchung suchen?

 

Prüfungen sind nützlich. Doch sollten wir sie nicht suchen. Ja, wir sollten ihnen soweit wie möglich aus dem Wege gehen. Jesus hat uns nicht zu beten gelehrt: "Und führe uns in Versuchung." Für unsere Widerstandskräfte wäre das geradezu eine Zumutung.

Adam mußte auf schmerzliche Weise lernen, daß wir Menschen von uns aus nicht die Kraft haben, der Versuchung zu widerstehen. Wer glaubt, ihr nicht zu erliegen, fallt meist als erster - wie Adam.

  Wer von uns wäre besser gerüstet, als Jesu eigene Apostel es waren? Sie konnten bei ihm selbst in die Schule gehen. Die Eucharistie empfingen sie aus seiner Hand. Ja, noch in derselben Nacht, kurz nach ihrer Erstkommunion, warnte Jesus sie - zweimal! - auf unmißverständliche Weise, sie würden in furchtbarste Versuchungen geraten. Doch- wie Adam- versagten auch sie. Sie hatten Angst. Sie flohen von seiner Seite. Wird unser Glaube besser dastehen, wenn er in Versuchung gerät?

 Jesus hat die Apostel eindringlich gebeten: "Betet darum, daß ihr nicht in Versuchung geratet" (Lk 22,40-46). Versuchungen mögen unvermeidlich sein; realistisch betrachtet aber weiß jeder Christ, daß er ihnen allein nicht zu widerstehen vermag.

 Die innere Logik des Vaterunsers sollte uns lehren: In dem Maß, in dem wir nicht das Reich Gottes verbreiten, nicht unser tägliches Brot würdig und dankbar empfangen, nicht um Vergebung bitten und nicht selbst vergeben - in demselben Maß werden wir anfällig sein für Versuchungen.

 Prüfungen sind notwendig. Gehen wir aber ohne Vergebungsbereitschaft oder mit unvergebenen Sünden in sie hinein, werden wir sie nicht bestehen. Wir werden scheitern. Was lässt eine Schwierigkeit für uns zur Versuchung

werden? Es ist das eigene Unvermögen, sie zu ertragen.

 

 

Kapitel 10

Versuchung, Teil 2

 

Auch wenn wir oft beten: "führe uns nicht in Versuchung", wissen wir doch, daß Versuchungen unvermeidlich sind. Ja, wir wissen auch, daß Gott diese Prüfungen zuläßt, weil sie gut für uns sind. Im letzten Kapitel sahen wir, daß Versuchungen dazu beitragen, uns "wie Gold im Schmelzofen" zu läutern (Weish 3,6). Jetzt wollen wir sehen, wie das geschieht.

 Zunächst sei die Frage erlaubt, warum Gott uns überhaupt so schweren Prüfungen unterzieht. Will er unsere Glaubenskraft testen? Muß er uns dann so auf die Probe stellen? Er weiß doch sowieso alles. Er weiß, wie schwach wir sind. Unsere Prüfungen lassen ihn nicht mehr über uns erfahren. Er lernt nichts aus ihnen. 

 Wir aber können daraus einiges über uns lernen - vor allem im Bereich unserer hartnäckigen Sünden. Denn nur allzu schnell sind wir bereit, die eigenen Fehler, Schwächen und sündhaften Neigungen zu übersehen. Eitelkeit und Stolz lassen uns für vieles blind werden, außer für unsere Tugenden und irdischen Erfolge, so zweifelhaft sie auch sein mögen.

  Das meiste über uns lernen wir aus unseren Prüfungen. Sie machen uns am deutlichsten bewußt, wie schwach und bedürftig wir sind. Meistens zeigen uns erst unsere Schwächen, was wir am dringendsten brauchen. Empfänden wir keinen akuten Schmerz, würden wir nicht nach dem Arzt rufen. Hätten wir kein drängendes Hungergefühl haben, würden wir kaum um Essen bitten. In Zeiten der Prüfung erfahren wir unsere Unzulänglichkeiten und sind bereiter, Gott als unseren Vater anzurufen. In 1 Korinther 10,12- 16 zeigt Paulus uns in vier Schritten, wie wir aus Prüfungen und Versuchungen Nutzen ziehen können.

 

1. "Wer zu stehen meint, der gebe acht, daß er nicht fällt." Zunächst stellt er fest, daß wir schwach sind und demütig sein sollten. Denken wir nur daran, wie Petrus sich aufspielte: "Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen" (Lk 22,33).

Er dachte, er wäre stark; doch innerhalb weniger Stunden verleugnete er dreimal feige seinen Meister. Er dachte, er stünde aufrecht; statt dessen fiel er tief. Besser hätte er Gott darum gebeten, ihn vor der Versuchung zu bewahren.

 

2. "Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert." Paulus sagt das nicht, um unsere Leiden abzuwerten, sondern um uns zu trösten. Wir sollten Mut fassen, weil auch andere Menschen den gleichen (oder noch schlimmeren) Prüfungen unterzogen wurden und sie bestanden. Die Geschichte der Heiligen ist voll von guten, praktischen Beispielen, denen wir geduldig im Gebet und mutigen Handeln folgen können.

 

3· "Gott ist treu", sagt Paulus. "Er wird nicht zulassendaß ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, so daß ihr sie bestehen könnt." Diese Zusage sollte uns sichere

Hoffnung schenken. Niemand wird die Versuchungen des Lebens ohne Gottes Hilfe bestehen können. Gott aber, der größer ist als alle Mächte, die uns bedrängen, wird uns niemals im Stich lassen. So lange wir ihm treu bleiben, werden wir siegen, sogar wenn der Satan selbst uns angreifen sollte. "Der Widersacher", sagt Cyprian, "kann nichts gegen uns ausrichten, wenn nicht Gott es vorher zuläßt. " Gott weiß, was wir verkraften können. Er ist jederzeit bereit, uns an seiner Allmacht teilhaben zu lassen, damit wir auch die schwersten Prüfungen ohne Sünde bestehen können.

 

4- "Darum, liebe Brüder, meidet den Götzendienst! ... Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?" Das ist er also, unser "Fluchtweg", d. h. nichts anderes als "unser tägliches Brot". Die Eucharistie, sagt Paulus, ist unsere Hoffnung und Hilfe; denn durch sie haben wir Gemeinschaft (lateinisch: communio) mit dem Fleisch und Blut des Gottmenschen. Durch sie werden wir mit göttlicher Kraft gestärkt. Und was sind die Götzen, die wir meiden sollen? Das sind die Dinge, von denen wir meinen, sie würden uns durch die Prüfungen helfen, obwohl sie das nie können. Es sind die - häufig sehr guten - Dinge dieser Welt, die wir im

Leben Gott vorziehen. Diese Götzen machen es notwendig, daß wir versucht werden; denn unsere Versuchungen werden uns helfen, uns loszusagen von jeder Abhängigkeit von allem, was weniger ist als Gott. Dies alles kann uns nicht wirklich retten. Deshalb ist das genaue Gegenteil des Götzendienstes die eucharistische Abhängigkeit, dieses heilige Bedürfnis nach dem ganzen Gott. Und darin liegt der Sinn unserer Versuchungen, daß sie uns demütig und von Gott vollkommen abhängig machen.

 

Nur ein Christ mit gesundem Sinn für die Realität wird

daher beten: "Führe uns nicht in Versuchung"; denn es ist das Gebet der Schwachen – Menschen wie Sie und ich-, die sich ihrer eigenen Ohnmacht und Gottes Allmacht bewußt sind.

Wenn Gott selbst der Versucher ist, wie wir im Vaterunser beten, wer hilft uns dann aus der Versuchung? Gott ist doch das Reine ohne Sünde und Makel, wie kann er uns Christen in Versuchung führen?

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